Der Gasstreit zwischen der russischen Gazprom und der ukrainischen Naftogaz

Ein Lehrstück interkulturellen Konfliktmanagements

 

In Europa herrscht einer der strengsten Winter des letzten Jahrhunderts mit Minustemperaturen in Rekordhöhe. Da ereilt uns die Nachricht, dass der russische Monopolist Gazprom der Ukraine am Neujahrsmorgen das Gas abdreht. Man habe sich nicht auf einen neuen Verkaufspreis und eine Transitgebühr einigen können, so dass nach Ablauf des alten Liefervertrags für 2009 kein neuer abgeschlossen werden konnte.

Bedauerlich für die Menschen in der Ukraine - und gefährlich für die Menschen in ganz Europa. Schließlich ist die Ukraine das Transitland für russisches Gas. 80% des russischen Gases, das für Europa bestimmt ist, wird durch ukrainische Pipelines gepumpt. Wenn Gazprom daher der Ukraine den Gashahn abdreht, kann es immer noch Pipelines anzapfen, die für andere europäische Staaten bestimmt sind, aber über ihr Territorium laufen. Und genau das wirft Gazprom der Ukraine vor. Eine Woche nach dem Lieferstopp an die Ukraine dreht Gazprom schließlich den gesamten Transitpipelines auf ukrainischen Boden das Gas ab. Spätestens jetzt ist klar, dass Europa nicht nur Zuschauer dieses Konflikts ist.

In Ländern wie Bulgarien, Ungarn, Slowakei und Polen bricht die Gasversorgung zusammen und der Notstand wird ausgerufen. Man kann sich aufregen über das machtvolle Geschäftsgebaren Russlands, das mit seiner Gasvorherrschaft spielt, oder auch die politische Instrumentalisierung des Gaskonflikts durch die angeschlagene ukrainische Regierung, die mit dem gemeinsamen Feindbild Russlands wieder die Reihen versucht zu schließen und für sich als Recht proklamiert, russisches Gas weit unter Weltmarktpreisen zu erhalten.

Unweit spannender für unsere Kunden ist aber das Beobachten von Strategie und Taktik des ukrainisch-russischen Konfliktverhaltens.

  • Härte und Unnachgiebigkeit zeigen: Im tiefsten Winter dreht Gazprom der Ukraine den Gashahn ab. Eine Woche später eskaliert man den Konflikt, indem man auch alle Transitleitungen abklemmt. Putin gießt weiter Feuer ins Öl, indem er betont, im Gasstreit mit der Ukraine nicht einlenken zu wollen.

 

  • Irrationaler Verzicht auf eigenen Profit: Gazprom schädigt seinen Ruf als zuverlässiger Gaslieferant massiv. Zudem wird nicht geliefertes Gas auch nicht bezahlt. Gazprom nimmt also trotz Finanz- und Wirtschaftskrise hohe Ausfälle in Kauf. Schließlich riskiert Gazprom, wegen der Lieferausfälle hohe Vertragsstrafen an seine Kunden zahlen zu müssen.
  • Bis zum Äußersten gehen: Energieexperten sehen einen ernsten technischen Kollaps des Pipeline-Systems als reale Gefahr. Konkret könnten Probleme bei den Verdichtungsstationen entstehen, die den zum Gastransport notwendigen Druck aufbauen. Um die Turbinen dieser Stationen betriebsbereit zu halten, müssten diese vorgewärmt werden. Das dafür oft eingesetzte Erdgas fehle jetzt. Zudem könnte das marode ukrainische Pipelinenetz durch den Lieferstopp auch noch größere Schäden erlitten haben. Spätestens nach einer Woche ohne Gas rechnen Experten mit beträchtlichen Problemen für die Gasleitungen.

 

  • Schuldzuweisungen: Beide Länder beschuldigen sich gegenseitig, für den Totalausfall der Lieferungen verantwortlich zu sein. Beide lassen eine unabhängige Überprüfung der Vorwürfe aber nicht zu. Naftogaz sagt, Gazprom habe die Lieferung von Gas für Europa über die Ukraine gestoppt. Gazprom hingegen spricht davon, dass die Ukraine die letzte bislang geöffnete Pipeline nach Europa geschlossen habe und bezichtigt die Ukraine des Gasdiebstahls.

 

Deutschen Unternehmen in Russland sind viele dieser Aspekte russischen Konfliktverhaltens so oder so ähnlich sehr geläufig. Russisches Vorgehen in Konfliktsituationen ist wenig geprägt von partnerschaftlichem Denken. Konflikt wird als Situation gesehen, in der es keine zwei Gewinner geben kann. Ein Kompromiss ist ein Zeichen von Schwäche. Folgerichtig verteidigt man mit Zähnen und Klauen seine eigene Position, setzt alle Macht zur Durchsetzung der eigenen Interessen ein. Ein Kompromiss wird erst akzeptiert, wenn es wirklich keinen anderen Ausweg mehr zu geben scheint und der Kompromiss so beschaffen und vermittelt wird, dass der Stolz des russischen Partners nicht gekränkt wird. Ein entschiedenes und geschlossenes Auftreten ist dabei unerlässlich.

Über diese Art von Konfliktverhalten kann man sich aufregen. Besser und erfolgreicher ist jedoch, russischen Geschäftspartnern entsprechend vorbereitet zu begegnen. Unsere Russlandtrainings helfen dabei.

Hier finden Sie unser Russland - Trainingsangebot!

 


==> zum aktuellen IFIM-MAILING zurück ==>


Copyright © 2008  IFIM GmbH.  Nachdruck erwünscht - Belegexemplar erbeten!
Stand: 13. Januar 2009