Mit harten Bandagen...
Interkulturelle Aspekte des US - Wahlkampfs
Vermutlich gibt es keinen anderen Wahlkampf zu einer Wahl, bei der man selbst nicht mitwählen darf, der von so vielen Deutschen mit Interesse beobachtet wird, wie der vor einer amerikanischen Präsidentschaftswahl. Das ist so erstaunlich nicht: Wie die Welt nun mal ist, betrifft es unser Leben einfach stärker, wer im Weißen Haus residiert als wer unser Nachbarland Belgien regiert. Und in diesem Jahr war und ist es ja besonders spannend ...
Aber ist so ein amerikanischer Wahlkampf auch 'interkulturell' interessant? Im engeren Sinne der IFIM-Trainings wohl nicht: Die Herausforderungen in der täglichen Zusammenarbeit mit amerikanischen Vorgesetzten, Kollegen, Mitarbeitern, Zulieferern oder Kunden werden sich für Deutsche nicht dadurch verändern, dass ein neuer Präsident ins Weiße Haus einzieht, egal wie er heißt.
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Dennoch bietet der Wahlkampf für den interkulturell Interessierten ein
besonders gutes 'Studienobjekt': Zugegeben: Diejenigen Amerikaner, mit denen unsere Teilnehmer in Arbeitskontakten stehen, sind nicht in allen Aspekten 'typisch': Sie sind im Schnitt besser ausgebildet und damit auch besser verdienend als der Durchschnitt der Wähler. Unter ihnen mag es weniger Menschen geben, die vor der Zwangsversteigerung ihrer Häuser stehen. Von den im Wahlkampf verhandelten Inhalten können unsere Teilnehmer nur begrenzt lernen. Aus anderen Aspekten aber schon!
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Fairness: In jedem Wahlkampf wird 'geholzt', aber man darf es auch nicht überziehen, sonst wendet sich die Empörung über eine unfaire Attacke gegen den Angreifer. In den letzten Wochen drängt sich dem deutschen Betrachter doch der Eindruck auf, dass diesbezüglich in den USA weiter gegangen wird als in Deutschland: Selbst in USA-weit ausgestrahlten 'offiziellen' Fernsehspots der Kandidaten wird gelogen und unter die Gürtellinie geschlagen. Die Spots der PACs (Political Action Comittees, 'privaten' Aktionskomitees, die sich für einen der Kandidaten einsetzen) gehen deutlich weiter: Hier wird dreist gelogen und grob verleumdet! Man täte es nicht, erwartete man nicht einen positiven Effekt. Merke: 'Fairness' ist für Amerikaner ein hoher Wert. Aber wenn es um Wichtiges geht, wird mit sehr harten Bandagen gekämpft! Das gilt auch in Unternehmen. |
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Persönlichkeit: 'People make the difference'! Um es zu polarisieren: In Deutschland schauen wir stärker auf das Anliegen, den sachlichen Inhalt eines Vorschlags als auf die Person dessen, der dafür steht. Keine Frage: Auch in deutschen Wahlkämpfen stellen sich Meinungsforscher Fragen wie 'Kommt Steinmeier bei Frauen besser an als Beck?', die Person der Kanzlerkandidaten spielt schon eine Rolle. Aber niemand würde behaupten, Schröder oder Kohl seien abgewählt worden, weil man ihnen 'als Person' nicht mehr getraut habe, oder Frau Merkel sei Kanzlerin geworden, weil eine Mehrheit der Bevölkerung sie unbedingt als Kanzlerin gewollt hat. Man hat 'Rot-grün' abgewählt ohne sich eindeutig für 'Schwarz-gelb' zu entscheiden. Würden sich Amerikaner analog vor allem nach 'Parteipräferenzen' entscheiden, bräuchten die Republikaner gar nicht antreten: Aber dort könnte das Wunder gelingen, dass der Kandidat der Partei siegt, deren Politik der letzten acht Jahre mittlerweile eine breite Mehrheit der Bevölkerung für desaströs hält, obwohl er in den letzten Jahren weitestgehend die Politik dieser Regierung unterstützt hat. Aber: people make the difference. McCain ist nicht Bush!
Die Konzentration für die 'Persönlichkeit' rückt auch sein Umfeld in den Fokus: Um eine Person einschätzen zu können, wollen Amerikaner auch wissen, wer ihre nächsten Bezugspersonen sind: Wie viele Häuser besitzt Frau McCain und wie hat sie sie erworben? Von wem ist Frau Palins Tochter schwanger? Was predigt der Pfarrer, der die Obamas getraut hat? Viele Deutsche finden das gnadenlose Graben im persönlichen Umfeld peinlich oder zumindest irrelevant. Doch das amerikanische 'sag mir, wer Dir nahe steht und ich sag Dir, wer Du bist', ist so absurd nicht: Wahrscheinlich hat die Art, wie ein deutscher Politiker seine Ex-Frau 'abserviert', etwas mit seinen 'persönlichen Moralvorstellungen' zu tun und vielleicht haben diese persönlichen Moralvorstellungen mehr mit seiner Art 'Politik zu machen' zu tun, als wir gemeinhin wahrnehmen wollen. |
McCains Liebe nach 51 Jahren in Brasilien gefunden ...McCain und Obama gaben täglich zusammen drei Mio. Dollar aus ...Palin nahm Geschenke an ...
Sexismus-
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Jedenfalls: Auch im amerikanischen Geschäftsleben gilt, dass die Persönlichkeit und ihr persönliches Umfeld eine wesentlich größere Rolle spielen, wenn sich Mitarbeiter oder Geschäftspartner fragen, ob man an den richtigen Partner geraten ist. Permanente Selbstdarstellung ist gefragt! Dieser Erwartung zu entsprechen, ist für viele Deutsche schon schwer genug, dass die Selbstdarstellung natürlich auch den amerikanischen Bewertungskriterien entsprechen muss, macht es wahrlich nicht leichter. Zumal wenn es bedeutet, auch Informationen über das persönliche Umfeld preiszugeben.
Emotionalität
'Lassen
Sie uns die Dinge ganz emotionslos betrachten!' ist in Deutschland eine
verbreitete Aufforderung, wenn es um 'ernste Themen' geht, also politische oder
auch wirtschaftliche Entscheidungen. Gerade in der Politik hat Deutschland in
den letzten hundert Jahren keine guten Erfahrungen damit gemacht, sich von
Emotionen 'hinreißen' zu lassen: Vom Hurra-Patriotismus des Kaiserreichs bis zu
noch Schlimmerem kaum eine Generation später! Appelle an Emotionen gelten
seither als 'populistisch', ja 'demagogisch'.
Nicht so in den USA. Dort folgt man ganz unbefangen der psychologischen Regel,
das Menschen eher zu Aktionen bewegt werden, wenn sie nicht nur 'kognitiv
überzeugt', sondern auch 'emotional begeistert' sind. Und zieht auch im
Wahlkampf alle entsprechenden Register!
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Es sollte niemand glauben, dass man in den USA eine Wahl gewinnt, nur weil man die bunteste 'Show' veranstaltet: Aber wenn die Persönlichkeit ihre Prüfung 'bestanden' hat, wenn das Programm anspricht, dann wird 'Begeisterung' wichtig, damit sich die prinzipielle Zustimmung auch in 'Aktion' umsetzt: Was bei Wahlen heißt: Damit man tatsächlich wählen geht! Und im Unternehmen: Mit wie viel Motivation man tatsächlich an die Arbeit geht, hängt sehr davon ab, wie 'begeistert' man ist! Deutsche bemühen sich sehr, ihre amerikanischen Partner zu überzeugen. Das ist kein falscher, aber ein ungenügender Ansatz: 'Wenn Sie nicht vor Enthusiasmus brennen, werden Sie mit Enthusiasmus rausgeworfen', formuliert ein hochrangiger Manager von Procter & Gamble in seinen Tipps für Nachwuchsführungskräfte. Deutsche erzeugen selten 'Enthusiasmus' für ihre Ideen: Ihnen genügt 'Zustimmung'! |
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'Diversity-Issues': Wer sich in den USA nicht massive Probleme einhandeln will, ist gut beraten, das Thema 'Non-Discrimination' sehr, sehr ernst zu nehmen! Wie 'vermint' dieser ganze Themenbereich auch 44 Jahre nach der entsprechenden Gesetzgebung immer noch ist, zeigt der Wahlkampf überdeutlich: Hillary Clinton und Sarah Palin balancier(t)en immer auf dem schmalen Grad zwischen 'frauenfeindlicher' Nachsicht und männlicher Häme einer Frau gegenüber! Und die Reaktionen auf Barack Obamas Kandidatur zeigen erst recht, dass es noch keineswegs normal ist, als Schwarzer und als Immigrantensohn einfach 'Chancengleichheit' einzufordern. Damit soll nicht gesagt werden, dass wir in Deutschland weiter wären: Man stelle sich einfach vor, was geschähe, wenn Cem Özdemir hierzulande die Chance bekäme, Kanzler zu werden! Dieser Wahlkampf, der erstmals nicht nur von europäisch-stämmigen Männern ausgetragen wurde und wird, macht deutlich, wie sensibel auch heute in den USA agiert werden muss: Jeder Satz, der über einen Schwarzen oder über eine Frau gesagt wird, wird auf die 'Goldwaage' gelegt. Auch in Unternehmen! Und wie im Wahlkampf gilt auch dort, dass es keine einfache Richtschnur für die erfolgversprechendste Aktion gibt: Wer 'politisch korrekt' homosexuelle Paare heterosexuellen gleichstellt oder statt Weihnachtsgrüßen 'Seasons Greetings' versendet, sieht sich den Anfeindungen konservativer Christen ausgesetzt, die als Wähler- wie Konsumentengruppen sehr bedeutsam sind. |
Amerikanisches Selbstvertrauen
Jeder weiß, dass 'Amerika' patriotisch ist. Nicht jeder weiß, wie wichtig es in einer multikulturellen Einwanderergesellschaft ist, den Nationalstolz immer wieder zu fördern. Vielleicht liefe es ja auch in deutschen Grundschulen mit 80% Migrantenkindern besser, wenn die Klasse jeden Morgen die deutsche Fahne hissen und die Nationalhymne singen würde. Allerdings nur, wenn diese Migrantenkinder auch qua Geburt unstreitig 'Staatsangehörige' wären. Wie in den USA!
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Die USA haben aber nicht nur guten Grund, ihre Einwohner immer wieder daran zu erinnern, dass sie trotz ihrer extrem unterschiedliche Herkunftskulturen alle Amerikaner sind. Sie haben auch seit ihrer Gründung den Anspruch hochgehalten, eine bessere Gesellschaftsordnung zu schaffen als diejenige, die in den Ländern herrscht, aus denen ihre Zuwanderer bis heute kommen: Wer im 18. oder 19. Jahrhundert das hohe, oft lebensbedrohliche Wagnis auf sich nahm, in die USA auszuwandern, tat es ganz gewiss in der Hoffnung, dort bessere wirtschaftliche Möglichkeiten oder mehr politische Freiheiten vorzufinden als in der zurückgelassenen Heimat. Jeder Mexikaner, der heute unter erheblichen Risiken den Grenzzaun zu den USA überwindet, hat ähnliche Motive. |
Wenn wir als Europäer die 'Arroganz Amerikas' wahrnehmen, die aus dem Anspruch erwächst, dem Rest der Welt den Weg in eine bessere Zukunft zu zeigen, sollten wir uns bewusst sein, dass diese Arroganz ganz andere Wurzeln hat als der verblichene Wunsch, dass die Welt 'am deutschen Wesen genesen' möge: In Deutschland brauchten wir eine lange Reihe von 'Ideologen', um der Bevölkerung einzureden, dass 'wir' was ganz besonderes seien. Die Begeisterung für diese Botschaft entstand eher als Trotzreaktion auf die vergleichsweise späte Gründung eines 'Nationalstaats'.
In den USA weiß jeder, dass irgendwann ein Vorfahr beschlossen hat, erhebliche Risiken auf sich zu nehmen, um ein besseres Leben im 'gelobten Land USA' zu beginnen! Und die Mehrheit ist auch heute noch überzeugt, dass das keine falsche Entscheidung war. Deutschstämmige Amerikaner mögen uns heute um manche Aspekte unseres 'Sozialstaats' beneiden, aber das bedeutet nicht, dass sie es für eine falsche Entscheidung ihrer Ahnen halten, nach Amerika aufgebrochen zu sein. Wer diese Haltung nicht verstehen kann, mag es an einzelnen Familiengeschichten aus den letzten hundert Jahren nachprüfen: Amerikanische Soldaten haben im ersten und zweiten Weltkrieg ihr Leben gelassen, auch der Korea- und Vietnamkrieg haben Opfer gefordert, aber 'unterm Strich' ist der ausgewanderte Teil der Familie weit weniger von den Katastrophen des 20. Jahrhunderts betroffen worden als die daheim gebliebenen Verwandten!
Zu verstehen, woher das amerikanische Selbstbewusstsein kommt, macht es heute für andere Völker nicht automatisch akzeptabel, weder in der Politik noch in der Wirtschaft! Was auch klugen Amerikanern bewusst ist, Intellektuellen und Verantwortlichen in Unternehmen, die verstanden haben, dass die Stellung der USA in der Welt vor allem davon abhängt, ob 'Amerika' im Bewusstsein der Bewohner anderer Länder positiv oder negativ besetzt ist.
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Sowohl Obama wie McCain haben das im Prinzip auch verstanden. Beide werden - in unterschiedlicher Formen und Ausprägungen - 'multilateraler' vorgehen als die Bush-Regierung. Aber am grundsätzlichen Selbstbewusstsein wird sich nichts ändern: Gerade Obama hat immer wieder – zurecht! - darauf hingewiesen, dass seine Karriere in keinem anderen Land der Welt möglich gewesen wäre. Stellen wir uns für einen Moment vor, der Sohn eines kenianischen Stipendiaten würde hier und heute von den Mitgliedern einer unserer großen deutschen Volksparteien zum Kanzlerkandidat gekürt. Unvorstellbar! Heißt auch, dass Obama, wenn er darüber nachdächte, wohl sehr glücklich darüber wäre, dass sein Vater kein Stipendium des DAAD erhalten hat.
Aber das Selbstbewusstsein ist eben nicht nur ein Phänomen der Wahlkampfrhetorik: Jeder Amerikaner ist mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass 'God's own country' anderen Ländern überlegen ist! Zumindest 'moralisch', aber im letzten Jahrhundert schien sich auch die alte Verheißung des Calvinismus zu bestätigen: Dass Gott die 'Seinen' auch auf Erden begünstigt. Was die objektive militärische und ökonomische Vorherrschaft der USA seit dem 2. Weltkrieg auch 'ideologisch' untermauerte: God is on our side! Wer könnte daran zweifeln?
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Wenn Deutsche sich im Kontakt mit amerikanischen Kollegen darüber beschweren, dass jeglicher Vorschlag zunächst auf die Skepsis 'not invented here' stößt, ist das mehr als verständlich:
Aus deutscher Sicht, weil Verfahren und Vorgehensweisen doch bitte ganz objektiv und sachlich geprüft werden sollten.
Aus amerikanischer Sicht, weil jeder, der mit solch einem massiven nationalen Selbstbewusstsein aufgewachsen ist, sich schwer tut, Vorschläge objektiv zu prüfen, die aus einem Land kommen, dem man sich grundsätzlich überlegen fühlt.
Dieser psychologische Mechanismus ist uns Deutschen auch nicht unvertraut: Oder prüfen deutsche Mitarbeiter wirklich Vorschläge des Kollegen aus Mali mit der gleichen Ernsthaftigkeit wie Vorschläge eines deutschen Kollegen?
Lassen wir es damit bewenden:
Der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf verdeutlicht in vielen seiner Facetten, dass man in den USA anders vorgehen muss, um Menschen zu motivieren. Eine intensive Betrachtung des amerikanischen Wahlkampfs allein wird allerdings kaum genügen, um die oben beschrieben Unterschiede erfolgreich im Arbeitsalltag mit Amerikanern umzusetzen.
Dazu braucht es schon ein interkulturelles Training!
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Stand: 30. September 2008