Five Seconds Delay

Wie ABC die amerikanische Öffentlichkeit vor Schmutz und Schund bewahrt...

Nur einmal pro Jahr schauen in den USA rund 90 Millionen Menschen das selbe Fernsehprogramm: Wenn 'Superbowl' übertragen wird, das Endspiel um die Meisterschaft in 'American Football'. Das ist ein Sport, der bis vor einigen Jahren außerhalb der USA nur wenige Menschen interessierte, aber inzwischen gibt es auch in Deutschland Vereine, die 'American Football' spielen und auch Zuschauer, die sich derlei ansehen wollen.
Charakteristisch für 'American Football' ist, dass sich kein 'Spielfluss' entwickelt, wie etwa im 'Soccer', europäischem Fußball, sondern ein kontinuierlicher Wechsel zwischen hoch komplizierten Spielzügen, die zwischen 30 und 90 Sekunden dauern und langen Pausen, in denen sich die Mannschaften neu aufstellen, was ein, zwei Minuten dauern kann.

In den USA ist es sehr verbreitet, zu Superbowl-Parties zu gehen. Die veranstaltet man im Freundeskreis oder besucht eine 'Sports-Bar', eine Kneipe, die über eine stattliche Anzahl von Großbildschirmen verfügt. Was die meisten deutschen Betrachter der Superbowl-Übertragung irritierend finden, nämlich die ständige Unterbrechung des Spiels durch Werbeeinblendungen, stört Amerikaner nur wenig: In den Werbepausen diskutiert man mit seinen Freunden die letzten Spielzüge oder bestellt ein weiteres Bier und konzentriert sich anschließend auf den nächsten Spielzug, auf dass man ihn in der nächsten Werbepause diskutieren kann.

Kulturelle Unterschiede!

Aber natürlich keine, die den Erfolg deutsch-amerikanischer Wirtschaftskontakte ernsthaft in Frage stellen: Viele Amerikaner schätzen es, wenn ihre deutschen Geschäftspartner auch eine gewisse Begeisterung für 'Superbowl' aufbringen, es erleichtert ihnen den in den USA so wichtigen 'Small-talk': Was könnte am Tag danach ein geeigneteres Small-talk-Thema sein? Aber schon drei Tage später interessiert es niemanden mehr.

Bei der Übertragung des Superbowl 2006 beschloss der übertragende Sender ABC, das ganze mit 5 Sekunden Zeitverzögerung zu senden. Man wollte sich die Möglichkeit vorbehalten, gegebenenfalls bestimmte Äußerungen zu zensieren. Anlass war offensichtlich die Tatsache, dass die 'Rolling Stones' in der Halbzeitpause auftraten. Denn 2004 hatte der von CBS übertragene Pausenauftritt von Janet Jackson einen riesigen Skandal heraufbeschworen, weil sie am Ende ihres Auftritts für genau zwei Sekunden ihre nackte gepiercte rechte Brustwarze zeigte. Superbowl 2005 wurde von FOX übertragen, aber in der Halbzeitpause trat Sir Paul McCartney auf und die Fox-Verantwortlichen vertrauten darauf, dass 'Sir Paul' die amerikanische Öffentlichkeit nicht schockieren würde und sendeten trotz mancher Ermahnungen 'live'.

Nun: Pauls Beatles waren immer die 'Braven', die Rolling Stones wurden von Anfang an als die 'Bad Guys' vermarktet und damit der Öffentlichkeit eine 'Wahlmöglichkeit' suggeriert, die keineswegs den engen persönlichen Beziehungen zwischen den Mitglieder beider Bands entsprach. Wie dem auch sei: Der Halbzeitauftritt der Rolling Stones schien den ABC-Verantwortlichen riskant zu sein. Und wahrlich: Man nutzte die um fünf Sekunden versetzte Übertragung, um je eine Zeile aus den Songs 'Start Me Up' und 'Rough Justice' zu löschen.
Diese Maßnahme rief in den USA ein breites Spektrum an Reaktionen hervor: Konservative applaudierten, dass eine 'verantwortlich handelnde Medienanstalt' die amerikanische Öffentlichkeit vor Schmutz und Schund bewahrt habe, Liberale beklagten Zensur.

Warum beschäftigt sich das IFIM mit diesem Thema?

Weil in Deutschland heute niemand auf den Gedanken käme, einen Rolling Stones Auftritt zu zensieren. Dass derlei in den USA ein Thema ist zeigt, dass in den USA völlig andere Vorstellungen davon herrschen, was öffentlich 'angemessen' ist. Gleichzeitig sind die USA der Welt größter Produzent von Porno-Filmen! Und sie sind das Land, das jedes Jahr einige deutsche Expatriates zurücksendet, weil diese den extremen Regelungen bezüglich 'sexueller Belästigung am Arbeitsplatz' nicht entsprochen haben. Die für Deutsche kaum nachvollziehbare Vorsicht von ABC bezüglich sexueller Anspielungen in Rolling Stones Texten entspricht einer für Deutsche kaum nachvollziehbaren Zurückhaltung, wenn es um den Umgang von Mann und Frau am Arbeitsplatz geht.

Wer erfolgreich mit amerikanischen Kollegen zusammenarbeiten will, sei es vom deutschen Schreibtisch aus, sei es als entsandter Expatriate, muss wissen, auf welche Sensibilitäten er stoßen kann. 'Shit happens!' mag dem deutschen Manager als 'kulturell angepasste' Erklärung dafür erscheinen, dass nicht alles so läuft, wie man es erwartet. Und er staunt, wenn er damit keineswegs immer den Ton trifft, den er für 'amerikanisch' hält, sondern sich unversehens in Erklärungsnöten wieder findet, weshalb er das 'S-Word' verwendet habe.

Mick Jagger von den Rolling Stones managet seit fast vierzig Jahren erfolgreiche Geschäftsbeziehungen mit seinen amerikanischen Kunden. Er wusste im Voraus, das ABC ihn zensieren würde, er akzeptierte es, aber mokierte sich in irgend einem Interview darüber. Letzteres gab ihm sein emotionales Gleichgewicht wieder, ersteres erlaubte ihm, das Geschäft nicht zu gefährden. Er hat 'seine Leute', die dafür sorgen, dass sein Auftritt den amerikanischen Erwartungen entspricht.
Deutsche Manager haben diesen Support nicht. Sie müssen selbst dafür sorgen, dass sie in den USA nicht 'anecken'. Das IFIM kann ihnen helfen, diese Herausforderung zu meistern.


Copyright © 2005  IFIM GmbH.  Nachdruck erwünscht - Belegexemplar erbeten!
Stand: 16. November 2010