Kann interkulturelle Auslandsvorbereitung 'Kulturschock' verhindern? 

'Kulturschock', ein Begriff den der kanadische Anthropologe Kalvero Oberg 1960 in die wissenschaftliche Diskussion einführte[1], gilt als eines der am besten untersuchten 'interkulturellen' Phänomene: Jeder 'Interkulturalist' weiß, dass Menschen, die mit einer längerfristigen Perspektive in eine fremde Kultur wechseln, die ihnen dort Alltagshandeln abverlangt und nicht nur touristische Begegnungen, nach der Einreise ins Gastland zunächst eine 'Euphoriephase' durchlaufen, die kaum länger als vier bis sechs Wochen anhält und dann in eine eher depressive Phase abstürzen, die etwa drei Monate nach dem Kulturwechsel ihre dramatischste Ausprägung erreicht. Danach beginnt eine Adaptationsphase, die nach ungefähr sechs Monaten wieder zu einem halbwegs 'normalen' Leben in der neuen Umgebung führt. Letztlich brauche es aber ein Jahr, bis man wirklich in der neuen Umgebung angekommen sei und wieder 'ganz normal' lebe, ohne von den interkulturellen Unterschieden zwischen seiner Heimat- und seiner Gastlandkultur ständig intellektuell und emotional herausgefordert zu werden.  

In den meisten interkulturellen Trainings für Langzeitausreisende ist 'Kulturschock' ein Thema: Einerseits, um den Teilnehmer deutlich zu machen, dass ein Stimmungstief in der Anfangszeit 'normal' sei und kein Anlass zur Panik, andererseits um ihnen hilfreiche Tipps an die Hand zu geben, wie man den 'Kulturschock' - also vor allem das Gefühl von Überforderung durch und Aggression gegen die Gastlandskultur in der depressiven Phase - abmildern und produktive Wege finden kann, möglichst schnell die notwendigen Lernschritte zu machen, die zu einem ausgeglichenen Leben im Gastland führen. Auch beim IFIM vermitteln wir die entsprechenden Kenntnisse.  

Das IFIM bittet seit langem die Teilnehmer/innen an seinen Pre-Departure-Trainings etwa ein Jahr nach der Trainingsteilnahme um eine rückblickende Stellungnahme zum Nutzen des Trainings und fragt bei dieser Gelegenheit noch etwas mehr ab, auch wie der 'Kulturschock' erlebt wurde: "Nach einigen Wochen im Land musste ich durch ein ziemliches Stimmungstief" beschreibt das typische 'Kulturschock-Phänomen' und soll von den Befragten auf einer fünfstufigen Skala von 'ganz genau' bis 'gar nicht' bewertet werden.  

Analysiert man die Antworten unserer seit dem Jahr 2000 befragten Ex-Teilnehmer/innen, ergibt sich jedoch das erstaunliche Ergebnis, dass der 'Kulturschock' eher selten ist: 'Ja genau' kreuzen nur 11,3 % an, 11,1 % ringen sich zu einem 'eher ja' durch. Weitere 11,1 % antworten 'neutral'. 28,2 % entscheiden sich für 'eher nicht' und die größte Gruppe, 38,3 %, betont 'gar nicht'! Dabei finden sich keine signifikanten Unterschiede zwischen verschiedenen Ausreiseländern. Allerdings erleben Mitausreisende - unter den Befragten waren dies überwiegend Frauen - das Stimmungstief signifikant deutlicher als Auslandsmitarbeiter, aber auch bei ihnen ist es eher selten.

Nach diesen Ergebnissen wäre 'Kulturschock' eher ein Ausnahmephänomen als die Regel. Es bieten sich verschiedene Deutungen für diese Antworten an:

Unsere Befunde deuten also nicht darauf hin, dass die jahrzehntelange Kulturschock-Forschung 'falsche' Ergebnisse erbracht hätte, sondern darauf, dass in der klassischen Forschung vor allem Gruppen befragt wurden, die nicht adäquat betreut wurden: Exilanten, die gar keine 'Vorbereitung' erhielten, Offiziere der amerikanischen Streitkräfte, deren interkulturelle Vorbereitung auch eher fragwürdig ist, Auslandsstudenten, bei denen die Vorbereitung - so es überhaupt derlei gibt - eher 'gut gemeint' als 'gut gemacht' ist, oder eben Auslandsmitarbeiter von amerikanischen Konzernen, bei denen die Prämisse galt: Was sich in Amerika bewährt, bewährt sich überall!

Vernünftige Vorbereitung kann den Kulturschock jedoch erheblich reduzieren, nicht nur zum Wohle der Ausreisenden, sondern auch ihrer Entsender, die natürlich davon profitieren, wenn teure Auslandsmitarbeiter/innen nicht monatelang mit Depressionen kämpfen müssen.

Einen 'Nachteil' hat seriöse Vorbreitung allerdings auch: Die 'Euphoriephase' des Anpassungsverlaufs fällt auch weniger euphorisch aus: Wer sich im interkulturellen Training intellektuell und emotional intensiv mit seiner Gastlandkultur auseinandergesetzt und obendrein sein künftiges 'zu Hause' bei einer Informationsreise persönlich kennen gelernt hat, wird nach der endgültigen Einreise nicht durch die Erkenntnis 'hier kann man vielleicht auch glücklich leben!' in Euphorie versetzt. 'Vorbereitung' führt zur Glättung der Kulturschockkurve. Und das ist gut so!

Auf die Aussage" Mit dem Leben hier bin ich heute sehr zufrieden" reagieren übrigens 29 % unserer Teilnehmer/innen nach acht bis zwölf Monaten im Gastland mit 'ja genau', weitere 51 % mir 'eher ja' und 16 % sind noch unentschieden. Bleiben 4 % die nach einem Jahr im Gastland mehr oder weniger unzufrieden geblieben sind. Das sind keine schlechten Ergebnisse. Der Kulturschocktheorie entsprechend gibt es auch eine hoch signifikante Korrelation zwischen den beiden Items der IFIM - Befragung: Wer den Kulturschock besonders intensiv erlebt hat, ist auch nach einem Jahr weniger zufrieden.

Die Kulturschockforschung kommt jedoch bei weniger systematisch vorbereiteten Kulturwechslern nach einem Jahr auf deutlich schlechtere Zufriedenheitswerte. Doch auch bei ihren 'Versuchsgruppen' findet sie nur ca. 5 %, die im Kulturschock 'hängen geblieben' sind.

Ein vorsichtiges Fazit könnte also lauten: Vorbereitungsmaßnahmen können nicht verhindern, dass ein kleiner Teil der Teilnehmer/innen im Gastland nicht zurecht kommen. Verbesserte Auswahl könnte hier vielleicht noch etwas bewirken, aber wahrscheinlich wird man damit leben müssen, dass es ein sehr kleiner Teil der Entsandten trotz aller Unterstützung einfach 'nicht packt'.

Aber für die überwiegende Mehrzahl können Vorbereitungsmaßnahmen den Kulturschock deutlich vermindern und dazu beitragen, dass das Einleben im Gastland schneller und besser gelingt. Wohlgemerkt: Unternehmen investieren nicht in Vorbereitungsmaßnahmen, damit 80 % der Entsandten mit dem Leben im Gastland zufrieden sind, sondern, damit sie ihre Entsendungsziele erreichen. Die Zufriedenheit ist dafür sicher eine notwendige Voraussetzung, aber noch keine hinreichende.

Hallo Mr. Oberg! Ihr Kulturschock lebt, aber was Sie da erforscht haben, ist kein zwangsläufiges Resultat von 'Kulturwechsel', sondern eine Beschreibung dessen, was sich bei unvorbereitetem Kulturwechsel ergibt. Kein Vorwurf an Sie, Mr. Oberg: 1960 gab es noch keine 'sinnvolle Vorbereitung'. Heute sind wir zum Glück etwas weiter! Dazu haben Sie mit ihrer Erforschung des 'Kulturschocks' einen wesentlichen Beitrag geleistet!
Doch 45 Jahre nach Obergs bahnbrechendem Artikel sollte man schon zur Kenntnis nehmen, dass man mittlerweile auch weiß, was den 'Kulturschock' weitgehend verhindern kann: Vernünftige Vorbereitung auf einen Kulturwechsel!

-------------------

[1] Kalvero Oberg, "Cultural Shock - Adjustment to New Cultural Environments", in Practical Anthropology 7 (1960), 177-182.


Copyright © 2005  IFIM GmbH.  Nachdruck erwünscht - Belegexemplar erbeten!
Stand: 16. April 2008