Heuschrecken?
Interkulturelle Aspekte einer deutschen Debatte

Franz Münteferings umstrittene Äußerungen haben doch eine gewisse Wirkung gezeigt: Auch aus anderen politischen Lagern kamen Äußerungen, dass gewisse 'Auswüchse' im Vorgehen amerikanischer Investoren kritikwürdig seien. Denn auch der derzeitigen Opposition kann es, die Regierungsübernahme schon fest im Blick, nicht angenehm sein, wenn durchaus rentable deutsche Standorte geschlossen werden, weil die entsprechende Produktion in Osteuropa oder Fernost wesentlich gewinnträchtiger erscheint.

Was ist das 'Interkulturelle' an diesem Thema?
Nun, der - übrigens unveränderbare - Artikel 14-2 des Grundgesetzes. Er lautet kurz und straff: "Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauc
h soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen." Das ist vage genug formuliert, aber es hat doch den Gedanken des 'Stakeholder-Values' in den Abschnitt der 'Grundrechte' unserer Verfassung geschrieben, lange bevor der Begriff in die Betriebswirtschaft einzog.  

In diesem 'Grundsatz’ kommt eine grundlegende deutsche deduktive Denklogik zum Ausdruck. Das Individualwohl erscheint als eine aus dem Gemeinwohl abgeleitete Größe: Ist das Gemeinwohl gesichert, geht es den zur Gemeinschaft gehörigen Individuen gut. Denn die Gemeinschaft hat für das Wohlergehen seiner Mitglieder Sorge zu tragen. Dies verpflichtet insbesondere die 'Starken', für die 'Schwachen' zu sorgen. 

Die amerikanische Verfassung kennt eine vergleichbare 'Sozialbindung' des Eigentums nicht. Amerikanische Manager kennen sie ebenfalls nicht – und wenn sie sie kennen würden, würden Sie vermutlich das gesamte dahinter stehende Gedankengebäude aus tiefster Überzeugung ablehnen! Denn der deutsche Gemeinwohl-Grundsatz stellt die amerikanische induktiv - indiviualistische Logik auf den Kopf. Diese lautet ganz einfach: 'Natürlich wollen auch wir, dass es allen Mitgliedern unserer Gesellschaft gut geht. Der beste Weg, dies sicherzustellen ist, dass jeder nach Kräften selbst für sich und seine Familie sorgt.'

Das Gemeinwohl erscheint damit als eine aus dem Individualwohl entstehende Größe – dem deutschen Grundsatz der Sozialbindung des Eigentums steht auf amerikanischer Seite die Sozialverpflichtung des Individuums gegenüber – nämlich Bestmögliches zum Gemeinwohl (durch Mehrung des eigenen Individualwohls) beizutragen. Aus amerikanischer Sicht ist es mithin 'sozial', Gewinne zu machen, denn nur wer Gewinne macht, zahlt Steuern, schafft und sichert Jobs – trägt also in der Folge unmittelbar zum Gemeinwohl bei. 

Wer wirklich erfolgreich ist, trägt noch mehr zum 'Gemeinwohl' bei: Andrew Carnegie, ein berüchtigter 'Robber Baron' des neunzehnten Jahrhunderts kam gegen Ende seines Lebens zu der Erkenntnis 'wer reich stirbt, stirbt in Schande!', und gab sein mit höchst fragwürdigen Methoden zusammengerafftes Vermögen dafür aus, das Land mit Bibliotheken zu überziehen. Diese Tradition ist sehr lebendig. Aber wir sprechen über eine freiwillige, moralisch motivierte Verpflichtung, die sich ein individuell bestimmtes Ziel sucht: Bill Gates' Stiftung hat die medizinische Versorgung armer Länder im Blick. Diese Philanthropie wird Microsoft nicht daran hindern, Arbeitsplätze nach Indien zu verlagern und Amerikaner freizusetzen, wenn das ökonomisch rentabel erscheint. 'Eigentum verpflichtet' auch in den USA. Aber es verpflichtet nicht, sich für die Arbeitsplätze der Mitarbeiter einzusetzen.

Jack Welch, einerseits als Manager des Jahrzehnts, wenn nicht gar Jahrhunderts bewundert, andererseits als 'Neutron Jack' attackiert, weil man ihm vorwarf, seine Methoden wirkten wie eine Neutronenbombe - die Fabriken sind noch da, die Mitarbeiter sind verschwunden - hat unter dem Titel 'Winning' gerade seine Philosophie auf den Buchmarkt geworfen. Sein Credo: Man darf die Schwachen nicht durchschleppen! "Falls das darwinistisch klingt, füge ich hinzu, dass die Differenzierung (also sich von schwachen Mitarbeitern und Standorten zu trennen, auch wenn sie keine Verluste verursachen, sondern nur keine optimalen Gewinne einfahren) nicht nur die effizienteste und effektivste Form der Betriebsführung ist, sondern auch die fairste und freundlichste. Letztendlich profitieren alle davon." (S. 49)
Und wie profitieren die Entlassenen davon laut Welch: "Einer der schönsten Aspekte der Differenzierung ist, dass C-Player (die Entlassenen) in anderen Unternehmen und anderen Arbeitsbereichen, in denen sie besser aufgehoben sind und zeigen können, was sie draufhaben, oftmals erfolgreiche Laufbahnen einschlagen." (S. 53)
Ganz sicher gibt es viele Beispiele dafür, dass ehemalige Angestellte von Welch’s General Electric anschließend erfolgreiche Laufbahnen an der Kasse eines Wal-Marts oder in der Bewachung eines Parkplatzes gefunden haben. Das wird den Linde-Mitarbeitern in Köln und Mainz sicher auch gelingen…

'Globalisierung' der Wirtschaft ist ein Trend, von dem sich Deutschland nicht abkoppeln kann. Die Übernahmen deutsche Unternehmen durch europäische, amerikanische, asiatische Firmen und Investoren werden eher zu- als abnehmen. Die ausländischen Besitzer werden IHRE Maßstäbe an die deutschen Standorte anlegen und diese entsprechen eher selten der 'Sozialen Marktwirtschaft' mit ihrer auch und vor allem im Sinne des Mitarbeiters verstandenen 'Sozialbindung des Eigentums'. Trotz aller Rhetorik sind weder bei Regierung noch Opposition Ideen erkennbar, wie man gleichzeitig für ausländische Investoren attraktiver werden und diese andererseits auf Spielregeln verpflichten kann, die viele deutsche Unternehmen selbst nicht mehr einhalten. Die Rettung der deutschen Standorte bleibt daher Aufgabe der Manager der übernommen Unternehmen.  

Diesen kann man nur raten, sich über die Denkweisen der künftigen Chefs sehr klar zu werden. Sich einem interkulturellen Training zu unterziehen, die diese vermittelt und aufzeigt, wie man die Gegebenheiten des eigenen Standorts SO darstellt, dass er den Erwartungen der neuen Eigner möglichst optimal entspricht. Das wird nicht immer helfen, aber es hilft oft! 

Entsprechende Maßnahmen sollte man allerdings ansetzen, solange man über sein Budget selbst bestimmen kann. Ist die Übernahme erst einmal vollzogen, ist keineswegs gesagt, dass der neue Eigner für derartige Schulungen Mittel freistellt.

 


Copyright © 2000  IFIM GmbH.  Nachdruck erwünscht - Belegexemplar erbeten!
Stand: 16. April 2008