‚Welteinheitskultur’: Das abrupte Ende einer Illusion


(April 2003)

Der 11. September war der erste massive Schlag gegen das gerade auch bei deutschen Managern so beliebten Konstrukts einer inzwischen – zumindest zwischen den Eliten dieser Welt - gewachsenen Welteinheitskultur. Denn die Terroristen waren keinesfalls ungebildete einfache verblendete Leute, die über den Westen nur wussten, was ihnen religiöse Einpeitscher erzählt hatten. Sie alle hatten lange im Westen gelebt, studiert, gearbeitet, waren bestens ausgebildet und durchaus in der Lage, sich völlig angepasst und unauffällig zu verhalten.
Doch dieser Schlag konnte noch mit ‚fundamentalistischem Fanatismus’ kleiner radikaler Sektierergruppen erklärt und damit übergangen werden. Das rasch geschmiedete weltweite ‚Bündnis gegen den Terror’ schien zu beweisen, wie tragfähig westliche Normen und Werte weltweit geworden waren. Doch nun?
‚Sprachlosigkeit’ herrsche auf beiden Seiten des Atlantiks, so berichtet die Presse, eine ‚tiefe Enttäuschung’ auf beiden Seiten, ‚Misstrauen’ mache sich breit zwischen Amerikanern und Deutschen. War man doch bislang davon ausgegangen, dass gerade diese Freundschaft nun wirklich auf einem festen Gefüge gemeinsamer Normen und Werte stünde, dass man die Welt mit gleichen Augen sähe, dass es keine tiefgreifenden Unterschiede im Denken, Fühlen und Verhalten zwischen Amerikanern und Deutschen gäbe.
Doch nicht genug: Irritiert nehmen die Deutschen zur Kenntnis, dass der Krieg im Irak, der all dies ausgelöst hat, aus amerikanischer Sicht angeblich „nach Plan“ verliefe, wo man hingegen aus deutscher Sicht doch offensichtlich nur noch von „Fehlplanung“ sprechen kann. Alles Propaganda? Alles nur Machenschaften einer kleinen rechtskonservativen Clique, die halt eben gerade die Macht hat im Weißen Haus, wie manche Journalisten suggerieren?

Keinesfalls. Eher das deutlich werden eines sorgsam gehegten Irrtums.
Worauf reagieren wir Deutschen so massiv? Zu allererst auf den unverhohlenen Vormachtanspruch der USA, auf das, was man hierzulande ‚das Recht des Stärkeren’ zu nennen und als unanständigen ‚Machtmissbrauch’ anzuprangern pflegt. Auf kaum einer anderen Schiene reagieren wir Deutschen so empfindlich und so emotional. Und hat doch Demokratie im deutschen Verständnis vor allem eines zu verhindern: den Machtmissbrauch! Zweifel an den ‚demokratischen Absichten’ der USA sind da nur folgerichtig. Das schafft ganz unversehens Nähe zu Frankreich, das ebenfalls reflexartig auf diesen Vormachtanspruch reagiert. Doch wer hier ähnliche Motive vermutet, hat noch nie im Leben mit Franzosen zusammengearbeitet. Man erinnere sich nur an den Auftritt der französischen Aussenministerin in Polen. Und wen die amerikanische Grundhaltung überrascht, der verfügt kaum über intensivere Arbeitserfahrung mit Amerikanern.

Frustrationen, Enttäuschungen und Überraschungen, die deutsch-amerikanische Arbeitsteams mehr als zur Genüge kennen, werden nun plötzlich weltöffentlich. Dabei ist das Unverständnis auf amerikanischer Seite über deutsche Vorhaltungen keinesfalls geringer:
Amerika denke rücksichtslos an seine eigenen Interessen? Ja an welche denn sonst? Das tut doch jeder, oder? 'Partner' sind immer auch Konkurrenten! Und Konkurrenz ist hart. Ist Bill Gates durch Rücksichtnahme auf die legitimen Anliegen von Wordperfect oder Netscape zur Nummer eins geworden?
Der Zivilist Rumsfeld habe die Planungen der Militärs mehrfach zurückgewiesen und auf einem kleineren Truppenkontingent bestanden, berichtet die deutsche Presse erstaunt. Nun, der Mann war Manager und verhält sich so: Er macht die Vorgaben und erwartet, dass sie seine Leute umsetzen. Die Bedenken der Fachleute werden angehört, bedacht - und dann zurückgewiesen: 'Geht nicht, gibt's nicht! Wenn Sie es nicht können, muss ich jemanden suchen, der es kann.'
'Shoot first, aim later!' Man braucht kein Militärexperte zu sein, um diese amerikanische Maxime zu kennen. Die Bereitschaft der Amerikaner, rasch vorzugehen und notfalls später nachzujustieren, kennt jeder, der in einem deutsch-amerikanischen Projekt mitgearbeitet hat.
Und was wird aus dem Irak und der ganzen Region nach dem Krieg? Nun, besser wird es auf jeden Fall: Wandel bringt immer Fortschritt. Fortschritt ist gut! Die ängstliche Grundhaltung, jeden Schritt auf alle denkbaren Risiken zu prüfen und ihn lieber nicht zu gehen, wenn sich nicht alle Bedenken ausräumen lassen, macht Amerikaner in der Zusammenarbeit mit Deutschen rasend!

Gemeinsame Grundüberzeugungen? Ja sicher, die gibt es: Deutsche, Franzosen, Briten, Amerikaner,…, sie alle sind für Demokratie und gegen Gewalt und Terror, sind für Offenheit und Dialog, für Freiheit und Frieden… - auf dieser abstrakten Ebene sind wir uns alle einig.

Viele Unternehmen schulen schon lange Mitarbeiter systematisch für die Zusammenarbeit mit Amerikanern. Man hat schon bitter erfahren, dass sie kein 'Selbstläufer' ist. Gestandene Manager suchen die Unterstützung von interkulturellen Beratern, wenn sie einen amerikanischen Chef bekommen haben. Denn sie erleben das Gefühl, Recht zu haben, sich aber nicht vermitteln zu können, nur allzu schnell.
Nun erlebt es eine ganze Nation.
Doch man kann lernen, wie man mit machtvollen und machtbewussten Amerikanern erfolgreich umgeht. Vielleicht lernt es unsere Regierung ja auch noch.
 


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Stand: 16. November 2010